Europäisches KU-Gasshuku mit Ante Brännbacka kyôshi in Tielt (Belgien), 14.-16.5.2026

Es ist Freitag-Abend, 15.Mai 2026. Nach zwei mit KU Nyûmon, Aragaki Sôchin und Bôjutsu ausgefüllten Übungstagen sitzen wir mit den anderen Gasshuku-Teilnehmern im Shamrock-Hotel von Tielt und lauschen der Rede von Ludovic de Cuypere shidoin, der das ortansässige Seikan-Dôjô und damit die Geschicke des belgischen Koryû Uchinâdi leitet:

Bringing likeminded people together in the pursuit of goals. This is one of the high social aims of KU. And it is our deeply shared passion for KU that brought us together. To condition the body, to cultivate the mind, to nurture the spirit. I can’t help but wonder if that spirit should only be interpreted as our own personal spirit, or whether it should be understood as a shared spirit – an immanent and all encompassing “Weltgeist”, in the German idealistic sense of the word. That we are gathered here today should not and should never be taken for granted. KU stands on the shoulders of many giants and our contemporary fighting method is deeply rooted in classical history. I don’t think I need to remind anyone that Europe has not always been the peaceful and prosperous place it is today. Through our European Gasshuku, we also foster the European flame. Through our European Gasshuku, we not only nurture our own, but also a larger spirit of cooperation and peace. I’m grateful to all of you for nurturing our spirit.

Allein dieser kurze Rede-Ausschnitt, in dem ein Belgier auf Englisch über die spirituelle Bindung der anwesenden Europäer nachdenkt und dabei das deutsche Wort „Weltgeist“ bemüht, um sich zu vermitteln, mag eine Idee davon geben, was uns Fûryûka zwei Tage zuvor über zwei Landesgrenzen und zehn Auto-Fahrstunden hinweg aus der Heimat nach Tielt getragen hat. Es ist unser Interesse am internationalen Austausch im pflichtfreien Intervall der Tage um Christi Himmelfahrt. Das lateinische „inter-“ meint bei diesen drei Wörtern jeweils ein „Zwischen“: den zeitlichen Freiraum zwischen beschränkenden Werktagspfosten (intervallum), den lokalen Abstand zwischen verschiedenen Geburtsorten (inter nationes) und letztlich das unsichtbare Sein, das zwischen uns und dem jeweiligen Ziel unserer Hinwendung einfach „ist“ (inter esse) und empfunden werden kann, wie Ludovic es so schön beschrieben hat.  

Vor knapp dreißig Jahren hat mir ein Freund ein Buch geschenkt, dessen japanischer Titel 人と人との間 (hito to hito to no aida) in der deutschen Übersetzung nur unzulänglich mit „Zwischen Mensch und Mensch“ wiederzugeben ist. Das entscheidende Schriftzeichen ist dabei das letzte. Budôka ist es vermutlich etwas vertrauter in der Lautung „ma“, in der es z.B. im Begriff „maai“ erscheint. Letzterer ist ein „harmonisches Zwischen“, frei übersetzt der „vorteilhafte Abstand zum Gegenüber“. 間 (aida/ma) ist – wenigstens in meinen Augen – dem lateinischen „inter“ sehr vergleichbar. Das Kanji deutet zwei Türflügel an, durch deren Spalt Sonnenlicht dringt. Wieviel Licht, ist davon abhängig, wie weit die Flügel geöffnet werden. Besagter Freund widmete mir das Buch damals „mit den besten Wünschen für den weiteren Weg und als Vorgeschmack auf die irgendwann stattfindende Reise ins Land der aufgehenden Sonne“. Ist es nicht seltsam, dass ich diese erste Reise nach Japan mehr als 25 Jahre später, als sich die Türflügel mit der Übersiedlung McCarthy senseis nach Okinawa mit einem Mal öffneten, mit eben jenem Freund unternommen habe? Mit jenem Freund, der mich am Sonntag, dem 17.Mai 2026, auf dem Heimweg am Steuer meines Autos als Fahrer abgelöst und uns sicher nach Hause kutschiert hat? Uns, das heißt auch Felix. Der vor knapp dreißig Jahren noch nichts von Karate, Lutz oder Hendrik wusste. Der heute wie selbstverständlich mit uns unterwegs ist. Der uns unter anderem 2023 nach Japan begleitet, mit uns nun die Reise nach Tielt unternommen und dort mit Sascha wie im letzten Jahr Ante Brännbacka kyôshi vielfach als Uke dienen konnte. Felix, der heute, da ich diese Zeilen schreibe, Geburtstag hat. Es ist so schön, als Gefährten gemeinsam zu fahren, um auf diese Weise immer wieder auf’s Neue zu erfahren, wie uns und unsere Kampfkunst der „spirit“, das „inter“, 間, der „Weltgeist“ oder wie immer man es nennen mag, belebt, hebt und weitet. Herzlich sei neben den Vorgenannten auch Olaf, Steve, Manuel, Dan, Ludovics Team und allen anderen, die ebenfalls zum Gelingen dieser unvergesslichen belgischen Tage beigetragen haben, gedankt. Hendrik Felber