Sôchin-Seminar mit Olaf Krey kyôshi am 25./26.April in Jena
Wie entstand die Kata? Kurz: Wir wissen es nicht. Etwas länger nach der Kata-Evolutionstheorie von Patrick McCarthy hanshi: Eine (Solo- oder Hitori-) Kata ist wahrscheinlich das Ergebnis eines Analyseprozesses von möglichen Antworten auf die Frage, wie ich mich gegen einen bestimmten Angriff (bspw. Schlag mit der Faust von der Seite zum Kopf) in einem zivilen, also nicht militärischen Kontext, verteidigen kann. Die sinnvollsten Ergebnisse in Form von Bewegungsabläufen dieser Experimente zwischen mindestens zwei Menschen, nämlich dem, der den Aggressor mimt und dem, der sich verteidigt, könnten zur weiteren Studie und zur besseren Erinnerung auch allein fortgeführt werden – ähnlich wie Paartanzschritte und -figuren, die ich repetieren möchte, auch wenn gerade niemand mit mir tanzen mag. Um dem „Einzeltanz“ oder Schattenboxen noch einen gesundheitsförderlichen, konditionierenden oder künstlerisch-ästhetischen Mehrwert zu geben, aber auch um diese Erkenntnisse effektiver weiter zu reichen, könnte es zu Formalisierung in Trainingsroutinen und -ritualen gekommen sein. Manchmal wurde dabei vielleicht auch verschlüsselt oder stark abstrahiert, um nur jenen, die lange genug übten, um „Eingeweihte“ zu werden, die Hintergründe (奥伝 Okuden) mittels passender Dechiffrierung zu zeigen. Vielleicht ging der Code auch bei der ein oder anderen Übertragung wenigstens teilweise verloren oder mutierte aus verschiedenen Gründen wie persönlichen Vorlieben der Rezipienten, was dafür spricht, dass es meist eine Kata in mehreren Stilen des Karate mit mehr oder weniger Unterschieden und Ähnlichkeiten gibt.
Sôchin (壯鎭 oder 壮鎮) lässt sich auf Aragaki Seishô (1840-1920), Meister des Naha-di zurückverfolgen. Die Schriftzeichen können als „Stärke und Zurückhaltung“ oder „ruhende Kraft“ gedeutet werden. (Der Google-Translator Japanisch-Deutsch lieferte mir „majestetic [sic!] Stadt“.) Das erinnert mich an das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“, das meist Kong Fuzi zugeschrieben wird. Aber wahrscheinlich ist dies eh eine nachträglich geschaffene schriftliche Schönmalerei, Sinnstiftung bis Mystifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da zuvor meist der Name der Kata nur als Wortklang weitergegeben wurde. Mehr dazu, maßgeblich von Hendrik Felber kyôshi zusammengestellt, kann bei Budopedia nachgelesen werden.
Wie wird eine Kata interpretiert? Die Interpretation wird auch Bunkai genannt und resultiert oft mit kämpferischen Zwei-Personen-Bezug in den ôyô jutsu (Applikationen). Als Schlussfolgerung aus der oben genannten Evolution, können die Bewegungen in einem durch Umkehr getriebenen Prozedere zurück zur kämpferischen Situation geführt werden. Dafür können wir einmal die Pyramide mit Stufen kognitiver Aktivität hinaufklettern. Wenn ich den Ablauf einer Bewegungsabfolge und eine Reihe von möglichen, gewöhnlichen Akten physischer Gewalt – bspw. Griffe oder Schläge – kenne (Wissen), die Biomechanik und Physiologie des menschlichen Körpers verstanden habe, kann ich beginnen, mir vorzustellen, was diese Bewegungen mit dem Körper eines anderen Menschen anstellen könnten, welche seiner Angriffe sie abwenden oder auflösen könnten, wie sie also angewendet werden. Eine Wiederholung mit wechselnden Parametern (bspw. verschiedene Angriffe, verschiedene angreifende Personen) wird mir eine Analyse ermöglichen, um zu beurteilen, was wann sinnvoll ist – auch, ob der Bezug zur Bewegung der Hitori gata noch passt. Aus den persönlichen Vorlieben der für als wichtig erachteten Angriffe und der Art und Weise, wie damit umzugehen sei, kann eine eigene Auffassung einer Kata oder sogar eines eigenen Curriculums oder Kampfsystems kreiert werden.
„Das kann sich jeder selber herleiten mit der Kenntnis der Prinzipien. Dafür braucht es keinen weisen Meister, der das zeigt“ (Olaf Krey kyôshi). Ich möchte dem nicht widersprechen, nur einrücken, dass es wesentlich verkürzend, bereichernder, inspirierend und zwischenmenschlich belebender für die Suche nach Erkenntnissen ist, wenn da schon jemand wie er oder Patrick McCarthy hanshi ist, der mehr Ahnung hat und hilft. Danke für alles! Felix Hommel
