27.Fûryû-Gasshuku, 11.-13.September 2026 in Schellerhau

Morgentau am Fuß,
Birkenblätter fallen gelb,
Stück Sommer, Stück Herbst.
Morgendämmerung, kurz vor Sonnenaufgang. Ich könnte eigentlich noch etwas schlafen, aber meine innere Uhr hat noch nicht mitbekommen, dass Wochenende ist. Raus aus dem Hochbett. Die Dielen und Holzbalken des Mayenhof stöhnen in vertrautem Ton. Den Weg zum Bad finden die Schlappen von allein. Die schmale Terrazzo-Treppe führt mich nach unten auf einen nackten Vinylboden. Früher war da immer so unscheinbarere Büro-Auslegware. Irgendwie mochte ich sie lieber. In der Küche brennt schon Licht. Der Wasserkocher brodelt etwas aufgeregt, bis ihn der dumpfe Klick des Bimetall-Schalters erlöst. Jeder der schon einmal mit Hendrik im Trainingslager war, weiß, wer da sein Morgenritual mit einem schwarzen Tee pflegt.
Die ersten tiefen Atemzüge der frühherbstlichen Morgenluft kribbeln in der Nase. Die Erkältung ist für einen Moment vergessen. Ich rede mir ein, dass mich jeder Atemzug an diesem Ort der Genesung ein kleines Stück näherbringt. Tegumi – „Die Hände verbinden“. Spätestens jetzt ist auch der letzte Teil von mir auf der Wiese angekommen. Mit der Verbindung der Hände erwachen Achtsamkeit und Sensitivität für mein Gegenüber. Ich freue mich darüber, mit so vielen verschiedenen Partnern zu üben und von ihnen lernen zu können. Das ist etwas Besonderes. Nichts Selbstverständliches. Die Trainingsstunden mit Uke waza (aka Quadranten-Drill) und dem Bô füllen den Tag. Die Zeit fliegt. Die Abendsonne schickt ihre letzten warmen Strahlen an diesem Tag auf mein Gesicht. Ich sitze im Gras, die Augen geschlossen. Ganz sacht streift mein Atem über die Barthaare oberhalb meiner Lippe. Das Surren einer Mücke nähert sich meinem Ohr. Sofort regt sich Abneigung. Die Mücke landet direkt am Ohr. Der Impuls, sie zu verscheuchen, ist da … und zieht wieder vorbei. Ich beobachte ihn nur. Ich spüre den Stich. Dann wieder meinen Atem. Funakoshi schreibt sinngemäß, man solle zuerst sich selbst erkennen und dann den anderen. Vielleicht bin ich dieser Selbsterkenntnis in diesem Moment ja ein kleines Stück nähergekommen.
Beim Abendessen in der Veranda kommen alle zusammen. Die Atmosphäre ist familiär. Zwei Fragen gehen mir schon den ganzen Abend durch den Kopf. Warum haben diese so verschiedenen Menschen einst begonnen Kampfkunst zu üben? Und warum üben sie heute noch? Inspiriert von Hendriks Vorstellungsrunde am Abend zuvor stelle ich sie in die Runde. Manche Antworten überraschen mich. Andere berühren mich. Einige sind ganz persönlich.
Ich danke Hendrik, Felix und Irina, die dieses Gashuku geleitet haben und allen, die für das leckere Essen und die gute Trainingslager-Atmosphäre gesorgt haben. Christopher Joffe
